15.06.2010 - 60 JAHRE FORMEL 1
In der Formel 1 liegen Sieg und Niederlage oft nahe beieinander. Wolfgang Graf Berghe von Trips fuhr oft auf diesem schmalen Grat und hatte immer wieder Glück im Unglück. Doch beim Grand Prix von Italien am 10. September 1961, bei dem "Taffy", wie er von den Briten anerkennend genannt wurde, seinem ersten WM-Titel entgegenfuhr, endete dieser Weg.
An dieser Stelle soll Sie ein zeitgenössischer Artikel aus der Zeitschrift "das Auto, Motor und Sport" direkt in das Jahr 1961 versetzen und die Schattenseite der Königsklasse erhellen:
„Am Abend vor dem Rennen saß ich mit Ferrari-Rennleiter Tavoni zusammen. Er sprach in begeisterten Worten von Graf Trips und bekannte freimütig, daß er ihn sehr schätze – „Taffy“ sei eben ein wirklicher Gentleman. Er – Tavoni – wünsche sehr, so betonte er, daß Graf Trips auch im nächsten Jahr für Ferrari fahre, aber – so setzte er nachdenklich hinzu – es sei nun einmal so, daß wenn ein Fahrer auf Ferrari Weltmeister werde, er bald darauf die Firma verlasse. Ascari sei zu Lancia gegangen, Fangio zu Maserati und Hawthorn …!! Am nächsten Tag wurde diese resigniert getroffene Feststellung erschütternde Tatsache. Trips ist – kurz bevor er eine echte Chance hatte, Weltmeister zu werden – von Ferrari und von uns gegangen. Daß sein jäher Tod von einer so furchtbaren Katastrophe begleitet wurde, ist für einen so lauteren, grundanständigen Mann, wie Trips es war, ein Abschied gewesen, der uns noch mehr erschüttert. Wolfgang von Trips war vor diesem für ihn so entscheidenden Rennen sehr zuversichtlich. Er wirkte zwar angespannt, aber trotzdem ruhig, und er hatte einen klaren Plan – nämlich langsam zu beginnen, und dann, wenn sich die Situation etwas abgeklärt haben würde, anzugreifen. In diesem Jahr war er innerhalb des Ferrari-Stalles der beste Mann, daran bestand […] kein Zweifel mehr. Kurz vor dem Start unterhielt er sich noch mit Ingenieur Chiti und ließ sich durch die Nervosität seines rechten Nebenmannes Rodriguez […], der schon vor dem Flaggensignal die Linie überfuhr, nicht beeindrucken. Nach der ersten Runde lag er abwartend hinter der Spitzengruppe, genau so, wie er es vorgesehen hatte – aus der zweiten Runde kam er dann nicht mehr zurück. Was ist geschehen?
Die Spitzengruppe wird nach der ersten Runde von Phil Hill, Richie Ginther und Riccardo Rodriguez – also von drei Ferrari gebildet. Sie verläßt in der 2. Runde die Curva del Vialone, jene schnelle Linkskurve, in der 1955 Alberto Ascari bei einer Probefahrt tödlich verunglückte, und biegt in die Gerade ein, die zur Curvetta führt, die früher auch Curva Sud oder Porfido-Kurve hieß. Es ist eine 180°-Kurve, deren Einlauf einen kleineren Radius hat als ihr Auslauf in die Tribünengerade. In geringerem Abstand hinter dem Führungspulk erscheint eine zweite Gruppe, die Graf Trips anführt, in Front von Jimmy Clark (Lotus-4-Zylinder-Climax), Bruce McLaren (Cooper Climax) und Gian Carlo Baghetti auf dem fünften Ferrari. Auf der Geraden, die die Curva del Vialone mit der Curvetta verbindet, sind beiderseits Erdwälle aufgeschüttet, auf denen die Zuschauer hinter einem Drahtzaun das Rennen verfolgen. Zwischen Wall und Strecke liegt noch ein mit Gras bewachsener Streifen.
Graf Trips kommt nun mit 240 km/h aus der Vialone-Kurve und biegt in die Gerade ein, mitten auf der Straße fahrend. Links hinter ihm folgt dichtauf der Lotus von Clark. Etwa 200 m vor dem Einlauf der Curvetta verlangsamt der Ferrari seine Fahrt und Clark, dessen Lotus noch einen Geschwindigkeitsüberschuß hat, setzt zum Überholen des Ferrari an. In diesem Augenblick zieht der Ferrari nach links und beide Wagen kollidieren, wobei das linke Hinterrad des Ferrari das rechte Vorderrad des Lotus berührt. Der Ferrari von Trips stellt sich quer, überschlägt sich, prallt auf den Lotus auf, wird – sich in der Luft drehend – gegen den Drahtzaun geschleudert und fliegt auf die Straße zurück, wo er liegenbleibt. Zweimal trifft der sich drehende Ferrari dabei die dichtgedrängt am Drahtzaun stehenden Zuschauer. Elf Personen finden sofort oder kurze Zeit später den Tod, drei weitere sterben an den Folgen der erlittenen Verletzungen im Krankenhaus.
Der verunglückte Graf Trips wird auf die Straße geschleudert und ist sofort tot. […]“
Quelle: Günther Molter, Unstern über Monza, in: das Auto, Motor und Sport, Heft 20, Stuttgart 23. September 1961.
"60 JAHRE FORMEL 1"
So lautet der Titel der neuen großen Sonderausstellung im AUTOMUSEUM PROTOTYP vom 27. November 2010 bis zum 27. März 2011.
Zurückblicken kann die Königsklasse des Motorsports auf bewegte Jahre voller Emotionen, Passionen und Sensationen. Die Formel 1 schuf moderne Helden, die sich in hoch motorisierten Wagen auf den Strecken duellierten und dabei ständig der Gefahr ins Auge blickten. Ohne nennenswerten Schutz gaben sie stets Vollgas und schenkten sich keinen einzigen Meter.
Diesen Mythos Formel 1 zu verstehen – nicht zu verklären – hat sich die Ausstellung zum Ziel gemacht - mit historischen und modernen Fahrzeugen, faszinierenden Fotografien und spannenden Geschichten rund um Fahrer, Fahrzeuge und die Rennen.
Wir halten Sie auf dem Laufenden!
Ihr PROTOTYP-Team
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